Kleidung

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Dein Anzug muss sitzen

Was ist das wichtigste, wenn du einen Anzug kaufst?

a) Sollte der Anzug von einer bekannten Marke wie Hugo Boss oder Giorgio Armani sein?

Nein. Wenn du Geld ausgeben willst, lass dir einen Anzug schneidern (s.a. Regel 96. Trage nur massgeschneiderte Anzüge)

b) Sollte der Anzug schwarz sein um möglichst formell zu wirken? 

Nein. Dein erster Anzug ist Navy (s.a. Regel 106. Dein erster Anzug ist Navy). Dein zweiter Anzug ist grau. Einen schwarzen Anzug kannst du nur auf einer Beerdigung tragen.

c) Sollte er möglichst billig sein, weil du ihn sowieso nicht häufig brauchst? 

Nein. Setze auf Qualität (s.a. Regel 103. Setze auf Qualität bei deiner Kleidung). Auch wenn du einen Anzug nur einmal im Jahr trägst, es lohnt sich in einen hochwertigen Anzug zu investieren.

Die Stammleser der Mannbibel werden bemerkt haben, dass die wesentlichste Frage in der obigen Liste nicht auftaucht.

Das grösste Augenmerk beim Anzugskauf solltest du auf die Passform legen.

Dabei spielt es keine Rolle ob du den Anzug ab Stange kaufst oder du dir einen Made-to-Measure Anzug zulegst.

Bei beiden Anzugsarten musst du ein besonderes Augenmerk auf die Passform legen. Heutzutage gibt es eine Schar von Made-to-Measure Anbietern und nicht alle sind von gleicher Qualität.

Die Gefahr einen schlechten Anzug beim Made-to-to-Measure Schneider zu erwischen, ist fast noch grösser als beim Kauf im Kleidergeschäft.

Ebenso solltest du vorsichtig sein, wenn dir ein Verkäufer im Kleidergeschäft einen Anzug „aufschwatzen“ will.

Vor kurzem war ich bei Schild, einem Kleidungsgeschäft in der Zürcher Innenstadt. Einen Anzug würde ich dort nie kaufen, aber meine Socken beziehe ich normalerweise über Schild.

Seit kurzem bieten sie farbige Socken der Marke Falke an (Amazon). Meinem bevorzugtem Sockenhersteller.

Obwohl ich von der Langlebigkeit der Socken für den Preis nicht immer überzeugt bin, kommt kein anderer Sockenhersteller an die Passform von Falke heran.

Wie dem aber auch sei.

Als ich die Auswahl der Socken abgeschlossen hatte und eigentlich nur noch bezahlen wollte, sprach mich der Verkäufer an.

Älterer Herr, eigentlich ganz sympathisch. Er wolle mir nur noch schnell einen Anzug zeigen. Er denke, dieser würde vorzüglich zu meinem Körperbau passen.

Nicht gerade motiviert, aber auch nicht völlig abgeneigt, zog ich mir das ausgehändigte Sakko an.

War die Passform völlig daneben?

Nein. Aber als ich mich im Spiegel genauer musterte, wusste ich, dass etwas nicht stimmte.

Die Passform der Schultern war in Ordnung. Aber die Proportionen stimmten für meinen Körperbau nicht im Geringsten.

Wenn man schon längere Beine hat, dann sollte man dies nicht mit einem noch kürzerem Sakko betonen.

Genau darin liegt aber die Kunst von einem guten Anzug. Die Schwachstellen von deinem Körper nicht zu betonen, sondern stilvoll verschwinden zu lassen.

Dies funktioniert aber nur, wenn du dich mit der Materie auseinander gesetzt hast. Ansonsten kaufst du einen Anzug, welcher zu gross ist und deine Schwachstellen nicht ausmerzt.

Beim Anzugskauf gibt es eine Vielzahl von Variablen zu beachten. Dieser Mannbibel Artikel geht darauf ein.

Es beginnt bei den Schultern.

Als ich das Sakko im Spiegel betrachtete, ging mein erster Blick zu den Schultern.

Die Schultern bilden eines der elementaren Elemente deines Anzuges.

Ein besonderes Augenmerk solltest du den Schultern zudem schenken, weil diese von keinem Änderungsschneider geändert werden können.

Die Hauptfunktion der Schulter ist, dass der Sakkoärmel möglichst unaufgeregt von deiner Schulter, bis zu deinem Handgelenk fallen kann. Dabei sollte der Sakkoärmel möglichst natürlich fallen.

Das heisst, wenn sich eine Unmenge von Stoff unter der Schulter ansammelt, ist die Schulter zu gross. Wenn der Stoff hingegen überspannt ist und sich Spannungsfalten bilden, ist die Schulter zu klein.

Am Besten probierst du eine Nummer grösser und eine Nummer kleiner, falls du dir unsicher bist.

Wenn man über die Anzugsschulter spricht, kann auch die Thematik der verschiedenen Schulterarten nicht aus dem Auge gelassen werden.

So gibt es ungepolsterte Schultern, leicht gepolsterte Schultern und voll strukturierte Schultern.

Es ist klar, welcher Mann zu den ungepolsterten Schultern greifen sollte. Der Mann, welcher bereits über ausgeprägte Schultern verfügt. Anstatt seine Schultern noch monströser erscheinen zu lassen, greift er zur ungepolsterten Schulter.

Ganz im Gegenteil zum schmächtigen Herrn, dieser greift zu einer strukturierten Schulter um ihm einen männlicheren Körperbau zu geben.

So kommt der Anzug seiner Funktion nach, die „Fehler“ vom eigenen Körperbau auszumerzen.

Was beim Anzugskauf in der Regel zu wenig Aufmerksamkeit erfährt, ist das Armloch. Trotzdem ist es elementar für einen gut sitzenden Anzug.

Die Armlöcher sollten dabei so eng anliegend wie möglich zu deinem Körper sein und ebenfalls so klein wie möglich gehalten werden.

Nur wenn dies gegeben ist, wird dein Anzug an dir souverän aussehen.

Nur dann wird dein Anzug an deinem Körper eng anliegend sein, auch wenn du wild gestikulierst.

Wie findest du heraus, ob das Armloch die richtige Grösse hat?

Zieh den Anzug an und versuche zwei bis drei Finger zwischen Achsel und Armloch zu stecken. Dies sollte knapp möglich sein. Wenn du locker vier oder mehr Finger dazwischen stecken kannst, ist das Armloch zu weit.

Merk dir aber auch, wenn du kaum noch deinen Arm bewegen kannst, ist das Armloch zu klein. Auch dies sollte nicht der Sinn der Übung sein.

Was mir besonders negativ beim Schild Sakko aufgefallen war, war die Sakkolänge.

In den letzten Jahren war es Trend die Sakkolänge zu verkürzen um dem ganzen Anzug einen sportlicheren Look zu geben.

Aus meiner Sicht völlig absurd. Wenn ich einen sportlichen Look rocken will, ziehe ich meine Lederjacke an.

Manipuliere dafür aber sicher nicht die Sakkolänge.

Die Länge des Sakkos hat für mich eine klare Funktion. Sie muss die Proportionen zwischen Beinen und Oberkörper ausgleichen.

Es gibt Männer mit längeren Beinen und es gibt Männer mit kürzeren Beinen. Bei den wenigsten werden die Proportionen zwischen Oberkörper und Beinlänge perfekt übereinstimmten.

Kein Problem. Dies kann mit der Sakkolänge ausgeglichen werden.

Du wurdest bei der Körpergrösse vom lieben Gott nicht belohnt und deine Beine sind eher auf der kürzeren Seite. Achte darauf ein kürzeres Sakko zu kaufen.

Übertreibe es aber nicht. Das Sakkoende sollte nicht höher sein, wie die Stelle an deiner Hand, wo der Daumen zur Hand stösst.

Deine Hand gilt überhaupt als Masstab für die Sakkolänge. So gilt, dass dein Sakko auch nicht länger sein sollte als zum ersten Gelenk deines Daumens.

Du hast somit einen Bereich von 3 -4 cm, mit welchem du arbeiten kannst.

Der kleinere Mann wird sich eher ein kürzeres Sakko kaufen.

Der Riese (190 cm und mehr), eher ein längeres Sakko und darf dabei auch ein wenig über die Daumenregel hinausgehen.

Wie kann sich ein Sakko noch unterscheiden?

Mit dem Revers (engl. Lapels). Das Revers ist zentral wie dein Sakko wirkt. Es kann enger oder weiter sein und führt von deinem Gesicht zum Knopfloch deines Sakkos.

Die Breite des Standards Revers startet bei rund 6 cm und kann bis zu 12 cm breit sein. Je nach Geschmack.

Dabei geht es aber nicht nur um die Breite an der Spitze. Sondern es geht auch um die Breite beim Knopfloch. Auch dort kann sich die Breite unterscheiden.

Dabei hat ein Revers, welches beim Knopfloch breiter ist, den Effekt, dass der Körper ebenfalls breiter wirkt. Ein schmaleres Reveres hingeben, vermittelt einen schmaleren Eindruck.

Das Revers läuft am Ende in den Kragen hinüber. Nicht zu vergessen sind aber die Spitzen des Revers, die sogenannten Reverskanten. Hierbei gibt es zwei verschiedene Formen zu unterscheiden.

Ganz normal, wobei ein kleines Dreieck ausgeschnitten ist. Oder Spitz, wobei die eine Reverskante spitz über die andere Reverskante hinaussschiesst.

Hier handelt es sich tendenziell eher um eine Geschmacksfrage. Beim ersten Anzug wirst du wohl eher zum Standard greifen. Beim zweiten Anzug können spitze Reverskanten aber ganz interessant wirken.

Das Revers läuft beim Knopfloch zusammen.

Das Knopfloch sollte ein wenig höher sein (ca. 1 cm) wie die engste Stelle deines Körpers – deine Hüfte.

Diese findest du wie folgt: Fahre mit deinen Händen, beginnend auf Rippenhöhe, hinunter und ermittle so die schmalste Stelle deines Körpers.

Über die Anzugsschlitze beim Rücken muss man nicht viele Worte verlieren. Nimm zwei. Auf beiden Seiten einen. Dies gibt dir genügend Bewegungsfreiheit und Zugriff zu deinen Hosentaschen.

Ein besonderes Augenmerk solltest du auf den Rücken werfen und den Anzugskragen. Eine Todsünde ist es, wenn sich ein Abstand zwischen Anzugskragen und Hemdkragen bildet.

In diesem Falle, ist der Anzugskragen zu weit.

Aber Achtung: Der Anzugskragen kann so nicht geändert werden.

Wen ein Anzugsmodell also nicht passt und der bekannte „Collar Gap“ da ist, kannst du das Modell gleich zur Seite legen und ein anderes probieren.

Als letzter Punkt möchte ich noch die Armlänge ansprechen. Diese gibt in der Regel auf den ersten Blick frei, ob der Träger den erstbesten Anzug gekauft hat, oder sich bei der Auswahl immerhin ein klein wenig bemüht hat.

Die Armlänge des Anzuges sollte so lang sein, dass du rund 1 – 2.5 cm von der Hemdmanschette zeigst. Wenn die Hemdmanschette nicht mehr sichtbar ist, sieht es schlichtweg so aus, als ob du den Anzug deines älteren Bruders geklaut hast.

Die letzten Worte

Wie du siehst, es ist gar nicht so einfach einen guten Anzug auszuwählen. Nicht wie beim Jeanskauf gibt es mehr als ein, zwei Faktoren welche du berücksichtigten solltest.

Darum trage ich keine Anzüge ab der Stange. Es ist schlichtweg zu zeitaufwendig um einen Anzug zu finden, welcher wirklich passt und am Ende bleibt es ein Kompromiss.

Preislich muss ein Made-to-Measure Anzug nicht deutlich teurer sein wie ein Markenanzug. Rechne mit 600 Euro aufwärts und du solltest einen guten Made-to-to-Measure Anbieter finden.

Kauf dir einen MTM Anzug und du wirst es nicht bereuen.

Wenn du nach wie vor einen Anzug ab der Stange willst, drucke diesen Artikel aus und nimm die Regel bei deinem nächsten Anzugskauf zur Hand.

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2 comments

  1. Timo - August 28, 2016 10:32 am

    Hey Ray
    Was hältst du eigentlich von Online-Anzuganbietern wie http://www.tailorstore.ch ?
    Gruss Timo

    Antworten
    • Ray - August 28, 2016 1:14 pm

      Hoi Timo

      Von reinen Online Anbietern würde ich abraten. Wenn du die Masse selber nimmst, liegt darin eine riesige Fehlerquelle.

      Besser ist ein Anbieter wie Lanieri (https://www.lanieri.com/de/atelier). Dieser unterhält Ateliers in Deutschland, der Schweiz und Italien wo deine Masse genommen werden. Damit kannst du diese Fehlerquelle schon einmal ausräumen, dich beraten lassen und die Stoffe anfassen.

      Die beste Lösung ist aber immer noch, wenn du einen Anbieter wählst, welcher dich persönlich durch den ganzen Prozess begleitet, auch die finale Anprobe sollte beim Anbieter vorgenommen werden.

      Nur so vermeidest du böse Überraschungen am Ende.

      Gruss
      Ray

      Antworten

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